Ulrich
Er fährt Angelina Jolie und Anna Netrebko, Armin Müller-Stahl und Mario Adorf. Im Phaeton. Zuletzt war Uli Welmering sechs Wochen lang mit der spanischen Operndiva Montserrat Caballé auf Tour. Szenen aus dem Alltag eines VIP-Chauffeurs.
7.00 Uhr.
Aufstehen. Wann fängt der Arbeitstag für einen Chauffeur an? Am Vorabend. Ich mache die Routenplanung und bereite auch Persönliches vor – die Dienstkleidung, die Schuhe, Reisetasche. Man muss sein eigenes Gepäck sehr klein halten; selbst der riesengroße Kofferraum des Phaeton ist schnell gefüllt mit dem, was zwei Damen für mehrere Tage brauchen.
9.00 Uhr Der schwarze Anzug
So gepflegt, wie das Auto aussieht, sollte man auch selber aussehen. Man setzt sich Standards, verinnerlicht gewisse Maßstäbe. Mein Geschäft ist das „People-Business“, seit fast 30 Jahren, ich habe Umgang mit Prominenten – vom Wirtschaftsboss bis zum Weltstar. Da ist ein gewisser Stil unverzichtbar, wenn man tage- oder mitunter sogar wochenlang zusammen unterwegs ist
10.30 Uhr.
Frühstück und ein kurzer Blick in die Zeitung. Bevor es zum Hotel geht, mache ich oft einen schnellen Abstecher zum Bahnhof, Lektüre für die Fahrt kaufen. Frau Caballé, die berühmte Operndiva aus Barcelona, liest gern Vanguardia und El Pais. Ich versuche immer, dass auch bei Regenwetter zumindest beim Einsteigen die Fenster trocken sind, damit der Gast rausgucken kann und das Gefühl hat, es ist alles piccobello.
Die Schuhe sind geputzt, das Frühstück verzehrt – nun kann es losgehen. Mit Frau Caballé und ihrer Nichte ist das sehr angenehm: Als Opernstar hat sie so einen eigenen Rhythmus und braucht ihren Chauffeur selten vor elf Uhr. Zeit genug, noch einmal das Auto zu checken. Es muss sauber sein und ausreichend warm. Es wäreziemlich schlimm, wenn eine Sängerin aus dem Flugzeug oder dem Hotelzimmer käme und in eiskalte Ledersitze fiele – das ginge schnell auf die Stimme. Mit dem Hotel-Manager ist abgesprochen, dass wir das Gepäck schon vor den Gästen im Auto verstaut haben. Ich bin schon mal in eine Suite gegangen und hab mir die Koffer selbst gegriffen, weil der Gast bereits unten war und kein Personal in Sicht – auch darauf muss man als Fahrer achten; ich kann nicht am Auto stehen und warten und mir sagen, das wird schon irgendwie klappen.
11.20 Uhr.
Glatter Start. On the Road gilt die Maxime: zügig und sicher ankommen. Ich praktiziere das „Over-Promising“: Wenn ein Gast fragt, „Wie lange sind wir unterwegs?“, und es ist in dreieinhalb Stunden zu schaffen, dann sage ich, „Wir brauchen so vier, fünf Stunden, ganz grob“ – jeder freut sich dann, wenn es in dreieinhalb Stunden klappt. Die Gäste haben das Gefühl, sie sparen Zeit, und kein Termin wird knapp. Ansonsten ist wichtig, dass der Gast sich beschäftigt, dass er liest, telefoniert, etwas zu trinken hat, sich wohl fühlt. Dazu gehören auch die unvermeidlichen kleinen Pausen, die ich mit Bedacht wählen muss – man geht mit einer Operndiva nicht an eine Raststätte, an der gerade fünf Busse halten – es ist teilweise ein Albtraum, wie die Prominenten festgehalten und selbst auf der Toilette nach Autogrammen bedrängt werden. Dann nimmt man lieber das kleine WC im Tankstellenbereich – auch an so etwas muss man denken.
13.45 Uhr.
Die Verständigung klappt hervorragend, Frau Caballé spricht gut Deutsch, und ihre Nichte spricht es noch besser. Aber ich kann mit einem Gast problemlos auch auf Englisch kommunizieren. Bei Spaniern und Italienern geht das manchmal mit Händen und Füßen, aber ich hatte neun Jahre Latein, daraus kann man was ableiten. Unterwegs wird mittags oft gesagt, „Setzen Sie sich doch zu uns an den Tisch“, besonders wenn Gäste allein unterwegs sind. Dann ist es ganz schön, wenn ich mich mit Opernsängerinnen auch über die Oper unterhalten kann oder mit Wirtschaftsleuten über Wirtschaft, mit Filmleuten über Film. Das macht den Reiz aus für den Fahrer, der heute in diese Geschichte reinschnuppert und morgen in jene. Ich habe früher nie einen großen Bezug zur Oper gehabt, aber ich bin jetzt Opernfan geworden durch diese Begegnungen. Man bekommt eine tiefere Sicht der Dinge, ein besseres Verständnis.
14.45 Uhr.
Nachmittags lautet das Motto: je länger die Strecke, desto tiefer der Schlaf. Wenn ich das schaffe, sitzt vorne der große Smiley. Wenn regelmäßige Atemzüge zu hören sind, heißt das für mich: fahr weiter so. Meine Vorstellung ist simpel: Vorn auf dem Armaturenbrett steht ein imaginäres Glas Rotwein – das sollte unter keinen Umständen überschwappen oder gar umkippen. Und mit dem Phaeton lässt sich das perfekt realisieren. Das ist kein Fahren, es ist ein Gleiten – ich bremse beispielsweise sehr verhalten, denn ich kann ja sehen, was sich vorne abspielt. Ich lasse den Vertreter vorbeirasen und sehe ihn in die Eisen gehen und denke, na, da möchtest du als Gast nicht drinsitzen...
16.35 Uhr.
Alles geht glatt. Vor der Ankunft im Hotel rufe ich an und sage, dass wir in Kürze eintreffen. Bei Gästen wie Frau Caballé muss sichergestellt werden, dass der Gepäckwagen bereitsteht und jemand sie empfängt. In der Regel ist dann der Manager mit einem netten Blumenstrauß da. Von mir erhalten sie die Information, daher ist das Zusammenspiel wichtig – ich gebe ja den Gast in die Hand des nächsten Partners. Ist der Gast im Hotel und muss später zu einem Veranstaltungsort, mache ich vorher schon einen Test, ich fahre oder laufe mitunter sogar die Strecke ab. Je berühmter oder bekannter ein Prominenter ist, stellt sich umso mehr die Frage, wie viele Autogrammjäger da sind. Ich muss sicherstellen, dass ich ihn zur Not auch durch die Tiefgarage unerkannt ins Gebäude bringen kann.
19.30 Uhr Fahrt zum Konzertsaal.
Die Zeit mit Montserrat Caballé genieße ich besonders. Sie ist im Bereich der Oper eine lebende Legende. Ihre sensationellen weltweiten Erfolge, ihr Ruhm als größte Belcanto-Sängerin, ihr spektakulärer Auftritt im Duett mit Freddy Mercury – da schätzt man jeden Moment, den man mit einer so außergewöhnlichen Persönlichkeit verbringen kann.
22.20 Uhr.
Ende des Liederabends, kein weiterer Programmpunkt. Während der Fahrt zum Hotel geht es auch um den Plan für den nächsten Tag. Abschließende Frage an die Damen: „Kann ich noch etwas für Sie tun? Wann sehen wir uns morgen früh?“ Ich versuche immer, so nah wie möglich am Gast zu sein, dabei ist Abstand und absolute Diskretion selbstverständlich. Man muss als Fahrer schon wissen, welche Rolle man hat – ich bin nicht der Manager, nicht der Freund, selbst wenn man sich manchmal mit Küsschen verabschiedet. Sechs Wochen unterwegs im Phaeton. Frau Caballé kannte den Phaeton kaum – sie mag ihn jetzt sehr. Und ihre Nichte ließ sich nicht davon abbringen, auch mal eine Proberunde zu drehen. Dazu sind wir in Berlin auf die Stadtautobahn gegangen, aber wir konnten den Wagen natürlich nicht ausfahren. Mir gefällt es, diese Oberklasselimousinen zu lenken. Aber im Mittelpunkt stand stets Frau Caballé. Wichtig ist der Gast an Bord und wie ich es schaffe, dass er sich wohl fühlt in „meinem“ Fahrzeug. Wenn ich ihn dann noch in einem Phaeton chauffieren kann, ist es einfach großartig.
Protokoll: Kay Dohnke
Fotografie: Wolfgang Stahr
Quelle: Volkswagen Magazin 01/2006


